Ultra Trail Mont Blanc 2016: Hitze, Krisen und fast vom Blitz getroffen

with 4 Kommentare

Ultra Trail du Mont Blanc. UTMB. Damit fing vor etwas 4 Jahren alles an.

Gelaufen bin ich bis dahin höchstens morgens zur Arbeit, wenn ich spät dran war. Auf YouTube finde ich zufällig ein Video vom UTMB 2011. Kilian Jornet, Iker Karrera und Miguel Heras laufen vom Rifugio Bertone in Richtung Grand Col Ferret und werden dabei vom Helikopter aus gefilmt. Die Landschaft ist traumhaft schön, und die Läufer scheinen schwerelos über die Trails zu fliegen. Inspiriert recherchiere ich, was denn dieses komische Rennen ist und welchen Sport die da überhaupt machen. Und 4 Jahre später stehe ich selbst schon an der Startlinie.

 

 

Vor dem Rennen: Es wird heiß werden und ich hoffe, das der Zeh hält.

Die Wettervorhersage verspricht Sonnenschein ohne Ende im Mont Blanc Gebiet. Für mich persönlich zwar etwas zu warm zum Laufen, aber auch besser als Regen und keine Aussicht. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob der große Zeh am rechten Fuß, den ich mir vor 4 Wochen beim Orobie Ultra Trail in Italien angebrochen habe, so lange ohne zu große Schmerzen durchhalten wird. Daheim war es aushaltbar, aber da waren es auch nicht mehr als 20 oder 30 Kilometer. Aber wird schon gehen. Nur Not muss ich halt mehr wandern als laufen.

 

Mit Matthias vor dem Start in Chamonix (Bild: Oliver Binz)
Mit Matthias vor dem Start in Chamonix (Bild: Oliver Binz)

 

Die Stimmung in Chamonix ist am Freitagabend vor dem Start auf dem Höhepunkt. Genauso wie die Temperaturen. Kurz hinter der versammelten Weltelite der Trailrunner stürzen wir uns direkt in die Menschenmengen, die hier überall auf den Straßen versammelt sind. Gerade so ist noch genug Platz, um einen Fuß vor den anderen zu setzen. Wie bei der Tour de France. Da ich weiß, dass genügend Läufer sich hier verführen lassen schneller zu laufen als sie sollten, lasse ich sie alle passieren und laufe ein gemütliches Tempo bis nach Les Houches. Hier warten unsere Frauen direkt an der Strecke, um uns nochmal anzufeuern, bevor es in die lange Nacht geht. Der erste Anstieg durchs Skigebiet ist eher unspannend, und schnell befinde ich mich in Saint Gervais. Hier ist mehr Stimmung als auf dem Oktoberfest, und man könnte fast meinen, wir wären schon im Ziel. Zumindest von der Stimmung her wird der UTMB bisher dem Hype gerecht.

 

„100 Miles is not that far“ (Karl Meltzer)

Langsam wird es dunkel und ich trabe gemütlich weiter in Richtung des ersten richtigen Anstieges, dem Col du Bonhomme. Ryan Sandes geht bereits langsam nebem den Trail in Richtung der Verpflegung in Les Contamines, Tofol Castanyer und Jason Schlarb sitzen demotiviert in selbiger. Nach nur 30 Kilometern. Zach Miller scheint seinen Job an der Spitze gut zu erledigen und beginnt schon mal, das Elitefeld zu verkleinern. Kurz nach der Hälfte des Anstieges zum Col muss ich zum ersten Mal aufs stille Örtchen und bin schockiert. Mein Hydrationsstatus ist fast so miserabel wie das Pacing mancher Läufer hier im Rennen. Mein Urin hat  die Farbe von verdünnter Cola. Getrunken habe ich eigentlich genug, zumindest vom Gefühl her. Leider gibt es hier oben kein Wasser und ich muss weiter über den Col du Bonhomme und hinten 1000 Höhenmeter runter zur nächsten Verpflegung. Rory Bosio kommt mir entgegen und marschiert mit steinerner Miene den Weg zurück ins Tal. Ihr Rennen scheint auch nicht so gut zu laufen wie meines. Den Abstieg vom Col lasse ich aufgrund der krampfenden Nieren erstmal langsam angehen. Leichte Panik macht sich breit. Wenn ich das Problem nicht bald in den Griff bekomme, ist das Ding hier gelaufen. DNF wie beim Orobie Ultra vor 4 Wochen, als ich mir einen großen Stein auf den Fuß befördert habe. An der Verpflegung trinke ich gefühlt alle Becher, die dort stehen. Nudeln und Brühe können auch nicht schaden. Auf dem langen Anstieg zum Col de la Seigne werden die Krämpfe im Bauchbereich besser, aber sobald es auf der anderen Seite herunter geht, bin ich erstmal wieder zum Gehen verurteilt. Die Veranstalter haben die Strecke hier seit letztem Jahr mit einem zusätzlichen Anstieg durch ein Geröllfeld etwas verlängert. Macht auf jeden Fall Spaß und ist ein bisschen Abwechslung. Luis Alberto Hernando spricht am Lac Combal aufgeregt in sein Handy. Anscheinend wird er Chamonix heute auch nur noch per Auto erreichen. Kurz vor Sonnenaufgang erreiche ich Courmayeur im italienischen Aostatal und stärke mich mit Pasta. Wir sind ja nun schließlich in Italien.

 

Traumhafte Trails im Val Ferret

Der Trail vom Rifugio Bertone bis zum Grand Col Ferret ist traumhaft schön. Dank des Ausblickes auf zahllose Gletscher vergeht die Zeit wie im Flug. Der Grand Col ist dann doch schneller als erwartet erreicht, und die Beine freuen sich auf etwas Abwechslung. Leider sind von den 20 Kilometern Downhill die meisten relativ langweilig durch Dörfer und auf Forstwegen. Aber so fallen wenigstens mal die Kilometer schneller. Die Temperaturen klettern weiter nach oben. Gefühlt lege ich mich in jeden Bach und Brunnen in diesem Tal. Ich frage mich, ob es ernsthaft eine gute Idee ist, wieder meinen Namen in den Western States Lottery Hut zu werfen. Jetzt weiß ich wenigstens, dass Badwater und Marathon des Sables sicher nicht meine Lieblingsrennen werden. Der Anstieg hoch nach Champex Lac zieht sich etwas, aber wenigstens gibts Schatten. Christine wartet dort schon mit kalten Getränken, reichlich Futter und einem nassen Handtuch. Herrlich. Im kühlen Zelt könnte man es aushalten. Wenn da nicht noch 3 Berge zu meistern wären.

 

Gefühlt kurz vorm Hitzschlag in Champex-Lac bei km 124
Gefühlt kurz vorm Hitzschlag in Champex-Lac bei km 124

 

Champex bis Trient: Catching the carnage

In der Verpflegung bei 124 km sieht es aus wie im Schlachthaus. Läufer liegen oder hängen frustriert auf den Bänken, viele lassen es hier heute gut sein. Das hohe Tempo und die Temperaturen vernichten heute nicht nur die Spitze des Rennens, und wer nicht gut auf sich Acht gibt, erreicht Chamonix eher im Krankenwagen als auf dem Trail. Unbeirrt davon mache ich mich auf den Weg nach Trient. Ich schwimme noch eine Runde im kühlen See, und der folgende Anstieg nach Bovine geht überraschend schnell vorbei. Ein paar Wolken schieben sich vor die Sonne, und es läuft auf einmal viel besser. Mehrere Leute schlafen neben dem Trail im Schatten, einige sitzen mit leerem Blick neben dem Trail und erzählen, dass sie nichts mehr essen können. Ein Ultra ist am Ende halt doch ein großes Essen und Trinken mit ein bisschen Laufen dazwischen. Relativ frisch bin ich bald unten in Trient. Nur noch 2 Berge zu besteigen. 100 Miles is really not that far.

 

Läuft wieder in Trient (km 141)
Läuft wieder in Trient (km 141)

 

Trient bis Chamonix: Blasen im Schuh, Gewitter in der Luft und kurzes Biwak bei der Bergwacht

Christine versorgt mich wieder mit allen möglichen Köstlichkeiten. Auch wenn ich eigentlich nach so langer Zeit nicht mehr wirklich Appetit auf irgendwas habe. Aber Essen muss sein, sonst kann man auch nicht laufen. Sie erzählt mir, wie alle daheim am PC oder Smartphone mitfiebern. Das motiviert ungemein. Danke euch dafür! So langsam machen sich vor allem im rechten Schuh ein paar große Blasen bemerkbar. Um den kaputten Zeh zu schonen, habe ich die Schnürung etwas lockerer gebunden, weil es am Anfang etwas gedrückt hat. Aber jetzt ist es auch schon egal. Musik und ein paar Podcasts lassen die Zeit auf dem nächsten Anstieg hoch nach Catogne schnell vergehen. Überhaupt geht irgendwie jeder Aufstieg langsam besser. Und das nach 24 Stunden laufen. Vielleicht brauche ich einfach so lange, um warm zu werden. Ich fühle mich zwar müde, mental bin ich aber voll da und motiviert. Die Wolken sehen schon ziemlich dunkel aus. Elektrizität liegt in der Luft. Gerade als die ersten Blitze in der Luft zucken, biegt der Singletrail zum Glück in den Wald ab. Bis hinunter nach Vallorcine laufe ich gut geschützt im Wald, aber das Gewitter über uns hat sich inzwischen zu einem ordentlichen Gewittersturm mit Starkregen entwickelt.

 

Die letzte Verpflegung mit Crew-Support ist erreicht. Noch mal ordentlich futtern, noch mal moralischer Support von Christine. Nur noch 19 Kilometer. Der lange und technische Anstieg zum Tete aux Vents soll es aber in sich haben. Wenigstens weiß ich schon, dass es dort viele „falsche“ Gipfel gibt. Mental kann mich also (fast) nix mehr davon ab bringen, das Ding hier zu beenden. Der Verantwortliche sagt uns, dass wir trotz des Gewitters über dem letzten Berg die originale Strecke laufen. Manche Läufer sind sich nicht ganz sicher, ob sie das so im Gewitter probieren sollen. Ich treffe Luca aus Italien wieder, wir sind vorher immer schon mal zusammen gelaufen. Er meint, wenn wir vom Blitz getroffen werden, ist das wenigstens ne coole DNF-Story. Lachend verlassen wir gemeinsam die Verpflegund und machen uns auf. Und es stimmt. Der Weg hinauf zum Tete aux Vents zieht sich endlos. Inzwischen regnet es relativ stark, aber so kommt die Jacke wenigstens auch mal zum Einsatz, und ich schleppe sie nicht umsonst durch die Berge. Es läuft erstaunlich gut. Die Beine fühlen sich frisch und kraftvoll an. Wahrscheinlich stolpere ich in Wirklichkeit in Zeitlupe hier hoch. Aber es fühlt sich auf jeden Fall gut an und macht Spaß, im Gewitter hier hoch zu kraxeln. Und immerhin haben wir ja schon knapp 160km in den Beinen. Kurz vor dem höchsten Punkt nimmt das Gewitter wieder Fahrt auf. Der nette Kerl von der Bergwacht empfiehlt uns, eben zu ihm ins Zelt zu kommen und abzuwarten, bis das gröbste vorrüber ist. Im Zelt ist es wenigstens trocken. Aber durchs Warten wird es auch schnell kalt. Immerhin sind wir inzwischen komplett nass. Nach 10 Minuten beschliessen wir, das ganze jetzt zu Ende zu bringen. Gewitter hin oder her. Der Gipfel ist schnell erreicht, und im anschließenden Downhill kommen die Lichter von Chamonix schnell näher. Gefühlt laufen wir hier sehr schnell. Aber alles sehr relativ am Ende eines so langen Tages.

 

Erfolgreich den Mont Blanc umrundet

Nach etwas über 30 Stunden bin ich zurück in Chamonix! Noch eine kleine Ehrenrunde durch die Stadt gedreht und gemeinsam mit Luca laufe ich unter dem großen Zielbogen ein. Christine erwartet mich schon freudig und hat auch gleich trockende Klamotten dabei. Beste Crew der Welt! Ein hartes Ding dieser UTMB! Aber Karl Meltzer hat recht, 100 Meilen sind gar nicht soooo weit. Zumindest nicht, wenn man sich das Rennen gut einteilt und mental fokussiert ist. Mein Rennen war immer nur so weit und hatte soviele Höhenmeter bis zur nächsten Verpflegung. Das hat mir geholfen, langsam und stetig vorran zu kommen und noch (relativ) fit zu finishen. Das waren meine Ziele, und da ich alle hervorragend gemeistert habe, falle ich zuhause erst einmal sehr zufrieden in einen tiefen Schlaf und brauche wohl noch eine Weile, alle diese Eindrücke zu verarbeiten.

 

Zufrieden zurück in Chamonix nach 170 Kilometern
Zufrieden zurück in Chamonix nach 170 Kilometern

4 Antworten

  1. steveo
    | Antworten

    Hi,

    herzlichen Glückwunsch zum Finish und den ehrlichen Bericht über den Lauf. Das mit den Nieren hatte ich beim Chiemgauer100 – ich hatte mich dafür entscheiden rauszugehen und hatte somit meinen ersten DNF. Hat sich das Problem im Laufe des Laufs erledigt?
    Ich hab also noch ne Rechnung in Ruhpolding zu begleichen nächsten Jahr 🙂

    Viele Grüße
    Steve

  2. Gaby Schütz
    | Antworten

    Nochmals: Gratulation, Sohnemann – einfach spitzenmäßige Leistung … und ich würde sagen, du hast in diesem Lauf mehrfach deinen sog. inneren Schweinehund erfolgreichst besiegt! 😉 Der Bericht über deinen ganz persönlichen UTMB liest sich für mich wie ein großes Abenteuer mit vielen zu bestehenden Gefahren. Auch ich gehöre zu Denjenigen, die über Stunden hinweg immer wieder mitgefiebert – und als Mutter gewiß auch gebangt – haben. Hut ab vor deiner Ehrlichkeit, in der du auch über deine „Krisen“ schreibst! Viele Erinnerungen an frühere Zeiten brechen sich bei mir Bahn: daran, wie du bereits als Einjähriger mit Entdeckergeist und Spass ohne Murren lieber zu Fuß lange Strecken gehen und sausen wolltest als im Kinderwagen zu sitzen … und ebenso daran, wie begeistert und exzessiv du später Fahrrad oder Skateboard gefahren bist … aber genauso daran, welche Sorgen ich mir um dich gemacht habe, weil du dann während der Pubertät jahrelang als Couchpotato gefühlt „rund um die Uhr“ nur vor dem PC hingst.
    Heutzutage spüre ich im Austausch und Beisammensein mit dir deine Begeisterung und dein Glück, sobald du in der Natur/in den Bergen unterwegs bist und ganz besonders deine Selbstverwirklichung, wenn du über deine Trails läufst, rennst, quasi fliegst – und das schenkt mir als Mama jedesmal auch eine große Portion Freude und Seelenfrieden.
    Ich bin davon überzeugt, dass du deinen ureigensten Weg längst gefunden hast und gehst und wünsche dir von Herzen, dass es weiterhin der für dich einzig wahr bleiben möge und du auf ihm Erfüllung finden darfst!

    Herzlichst: Deine Mutter

  3. Gaby Schütz
    | Antworten

    Nachschlagerl:

    Es ist gar nicht so einfach, auch meine Gefühle zu ordnen, und deshalb habe ich jetzt etwas zu sagen vergessen, das mir sehr wichtig ist:

    Ich freue mich ganz besonders mit dir darüber, dass du eine Partnerin hast, die deine Leidenschaft des Trailrunnings (auch persönlich) teilt – und ich wünsche euch von Herzen, dass es euch weiterhin möglich sein wird, diesen Traum gemeinsam leben und noch viele Läufe finishen zu können!

    Deine Mum

  4. Steve
    | Antworten

    Cooler Bericht und natürlich nochmal herzlichen Glückwunsch zum Finish und der super Platzierung.

    Schon krass wie es die Leute dieses Jahr „zerbröselt“ hat und dein Bild bei km 124 schaut auch ziemlich krass aus.
    Aber du hast Recht: Das Rennen richtig einteilen, Ziele stecken und dann ist es irgendwie garnicht so schwer.

    Erhol dich gut und lass dich noch ordentlich feiern

    Absolut verdient

    Viele Grüße aus Wyoming

    Steve

Deine Gedanken zu diesem Thema


*